Kurze Geschichte der HfG Ulm
Das Wesentliche im Überblick

 

 

 

 

 

1. Die gesellschaftliche Verantwortung der Gestalter
Warum die HfG Ulm gegründet wurde

Sophie Scholl in den frühen 1940er Jahren.

Die Hochschule für Gestaltung (HfG) Ulm war vermutlich die weltweit wichtigste Designhochschule des 20. Jahrhunderts. Sie hat wahrscheinlich einen weiteren, tieferen und dauerhafteren Einfluss als jede andere Ausbildungsstätte auf das moderne Design ausgeübt, auch als das Dessauer Bauhaus. Für die internationale Kunst war allerdings das Bauhaus erheblich bedeutsamer als die HfG. Jedoch: Diese Behauptungen lassen sich nicht beweisen, weil Bedeutung in diesem Kontext nicht sinnvoll quantifiziert werden kann, allen Rankings zum Trotz. 

Die HfG wurde nicht gegründet, um ein ästhetisches Defizit zu beheben. Ihren Gründern (Otl Aicher, Inge Scholl und Max Bill) ging es nicht in erster Linie darum, schöne Plakate und Lampen zu gestalten. Sie wollten vielmehr die Gesellschaft gestalten. Genauer gesagt: Sie wollten dazu beitragen, dass nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Deutschland eine friedliche, demokratische und freie Gesellschaft entstehen konnte. 

Hannes Rosenberg: Inge Scholl, Otl Aicher, Hans Werner Richter und weitere an der Ulmer Volkshochschule Beteiligte, 1949.

Dieses Ziel war eine ferne Utopie, als Otl Aicher und Inge Scholl im Frühjahr 1945 damit anfingen, ihre ersten Ideen zu verwirklichen. Es war einfach unvorstellbar, dass die Deutschen jemals von ihrem Kadavergehorsam, Militarismus und fanatischen Rassismus ablassen könnten. Sechs Jahre lang hatten die Deutschen die Welt mit Krieg überzogen, hatten unmenschliche Grausamkeiten mit maschineller Unerbittlichkeit und kaltblütiger Präzision in unfassbarem Ausmaß begangen. Millionen Menschen hatten sie in Gaskammern und auf den Schlachtfeldern ermordet. Ausgerechnet diese Deutschen sollten auf einmal bessere Menschen werden?

Die deutsche Gesellschaft lag 1945 in Trümmern. Die Häuser waren zerstört, die Straßen und Plätze der Städte voller Schutt und Asche. Das Land war von den vier führenden Siegermächten besetzt und aufgeteilt. Die Zerstörung war beinahe total. Sie erstreckte sich nicht nur auf die materielle Umwelt. Die Familien und Freunde beklagten ihre Toten und Vermissten. 

Darüber hinaus waren auch die geistigen Grundlagen der Gesellschaft fundamental beschädigt. Die Welt hatte sich durch das Nazi-Regime so grundlegend geändert, dass die Deutschen aus seiner Sicht nicht nahtlos an die Zeit bis 1933 anknüpfen durften. Er wollte die Katastrophe als Chance nutzen und sämtliche Traditionen und Gewissheiten, die die deutsche Gesellschaft bis dahin wie selbstverständlich getragen hatten, kritisch hinterfragen. Alle gesellschaftlichen Werte erschienen fragwürdig, weil sie den Menschen nicht die Kraft gegeben hatten, den Nazis zu widerstehen. Diese Chance für einen vollständigen Neuanfang nannte man »Stunde Null«.

Hannes Rosenberg: Hans Werner Richter unterrichtet in der Ulmer Volkshochschule, 1949.

Wie stolz waren die Deutschen auf ihre hochstehende Kultur gewesen, auf die Werke von Luther, Bach, Beethoven und Goethe. Über die Banausen aus den USA und die Proleten aus Russland hatte man gerne hochmütig die Nase gerümpft. Aber unter Hitler hatte sich binnen weniger Jahre das Land der Dichter und Denker in einen Abgrund voller Scharfrichter und Henker verwandelt. Ihre Wertschätzung von Musik, Dichtkunst und Philosophie hatte die Menschen nicht dafür gewappnet, als mündige Bürger dem Irrsinn Einhalt zu gebieten, als es darauf ankam. 

Otl Aicher war der Ansicht, dass die traditionelle bürgerliche Wertschätzung der »Sonntagskultur« über Bord geworfen gehörte. Er hatte nichts gegen Theater, Oper, Konzerte oder Gemälde, er hatte sogar für ein paar Monate in München Bildhauerei studiert. Aber ihre Überhöhung in einen Fetisch hatte zur Geringschätzung des Alltags geführt. Deshalb waren auch die alltäglichen Dinge gering geachtet, die seit der Industrialisierung in großen Stückzahlen hergestellt werden konnten und dadurch für breite Schichten der Bevölkerung erschwinglich waren. 

Hannes Rosenberg: Otl Aicher und Inge Scholl arbeiten an ihren Plänen für die spätere HfG Ulm, 1949.

Feines Porzellanservice für den Festtag mit gestalterischen Mitteln zu veredeln, interessierte Aicher nicht. Er war der Meinung, dass eine freie und demokratische Zivilgesellschaft vielmehr Geschirr für jeden Tag des Jahres benötigte. Nicht nur praktisch und bezahlbar sollte es sein. Vor allem sollte es eine eigenständige Form erhalten, also die Erscheinung von vornehmen Luxuswaren nicht imitieren: Weder ihren Stil, noch teure Materialien oder kostbare Verarbeitung vortäuschen. Einige Jahre später, 1959, als die HfG schon einige Jahre existierte, entwarf tatsächlich der Student Nick Roericht in seiner Diplomarbeit eines der berühmtesten Produkte der HfG: das stapelbare Geschirr TC 100, das ausschließlich für Kantinen hergestellt wurde. Jahrzehntelang haben Millionen Menschen es zum Beispiel in Jugendherbergen benutzt.

Den gleichen Anspruch richtete Aicher auch an die Gestaltung von Informationen. Wer zum Beispiel einen übersichtlichen Zugfahrplans entwickelte oder ein sachlich aufklärendes Plakat über die Notwendigkeit gesunder Ernährung, ging aus Aichers Sicht einer Beschäftigung nach, die gesellschaftlich relevanter war als künstlerischer Malerei. Deshalb hatte er sein Studium an der Münchner Akademie rasch abgebrochen. Er sah keinen Sinn darin, sich den Bildenden Künsten zu widmen, als ob zwischen 1933 und 1945 nichts gewesen wäre. Die Kunst erschien ihm damals sogar verlogen, weil er meinte, dass sich die Künstler dadurch ihrer Verantwortung entzogen, ihre Talente für den Aufbau einer neuen Nachkriegsgesellschaft zu nutzen ? eine radikale Ansicht, typisch für Aichers Kompromisslosigkeit.

Standbild aus der Wochenschau vom 23. Juni 1952: John J. McCloy überreicht kurz vor seinem Abschied als US-Hochkommissar für Westdeutschland Inge Aicher-Scholl im Ulmer Rathaus einen Scheck über 1 Mio. Mark als Geschenk des amerikanischen Steuerzahlers.

Die HfG war eine private Einrichtung, keine staatliche Hochschule. Das klingt heute nicht sonderlich bemerkenswert. Zum Zeitpunkt ihrer Gründung aber handelte es sich um etwas vollkommen Einzigartiges. Bildung war in Deutschland traditionell eine Aufgabe des Staates. Lehrer und Professoren sind bis heute staatlich alimentierte Beamte. Sie stehen in einem besonderen Loyalitäts- und Dienstverhältnis zum Staat. Anfang der 1950er Jahre war die Überzeugung, dass es damit seine Richtigkeit hatte, in Deutschland noch viel tiefer verwurzelt als heute. Otl Aicher jedoch war anderer Ansicht. Er hatte den Staat als eine Organisation erlebt, die systematisch Unrecht ausübte. Der NS-Staat hatte seine geliebte Freundin Sophie Scholl und ihren älteren Bruder Hans ermordet. Seitdem misstraute Aicher jedem staatlichen Gebilde zutiefst.

Hans und Sophie Scholl zählten zu den wenigen aktiven Widerstandskämpfern gegen das NS-Regime. Die beiden stammten ebenso wie Otl Aicher aus Ulm. Während ihres Studiums in München gehörten sie zum Kern der Gruppe «Die Weiße Rose». Sie verteilten Flugblätter in der Münchner Universität. Im Februar 1943 wurden sie dabei verhaftet. Wenige Tage später ermordeten die Nazis sie.

Otl Aicher entging seiner eigenen Verhaftung ? damit wohl auch seiner Ermordung ? nur durch Glück um Haaresbreite. Gemeinsam mit Inge Scholl, der ältesten Schwester von Hans und Sophie, organisierte er schon kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Ulm Vorträge von Philosophen und Theologen, die den Menschen Hoffnung und Orientierung in ihrer zerstörten Welt bringen sollten. Aus dieser Initiative entwickelten sie 1946 die Ulmer Volkshochschule. Der Impuls der »Stunde Null«, etwas von Grund auf neu zu denken, war bei ihnen und ihren Freunden, dem sogenannten »Ulmer Kreis«, noch nicht erloschen. 

Otl Aicher: Schema »Grundlehre - Ausbildungsklassen- Allgemeinbildung« aus einem Exposé für HICOG, 12. Juli 1950.

Sie unterschieden sich dadurch von den meisten anderen Menschen in Deutschland. Nachdem die Bevölkerung in den ersten Nachkriegsjahren vor allem ums nackte Überleben kämpfen musste, weil Hunger und Mangel den Alltag bestimmten und eiskalte Winter in Häusern ohne Dächer, Fenster und Heizungen die ausgemergelten Körper dahinrafften, ging es zum Ende der 1940er Jahre schrittweise besser. Anfang der 1950er Jahre wurde Wohlstand spürbar. Aus der Rückschau wird die einsetzende »restaurative« Epoche bis zum Ende der 1960er Jahre als Wirtschaftswunder beschrieben. Die deutsche Gesellschaft machte es sich in den angenehmer gewordenen Verhältnissen bequem. Der erste Italien-Urlaub mit dem ersten eigenen Auto lag für jedermann in greifbarer Nähe. 

Jetzt, Anfang der 1950er Jahre, mochte sich kaum noch jemand mit gesellschaftspolitischen Utopien beschäftigen. Lag doch mittlerweile das Ende des Zweiten Weltkriegs schon Jahre zurück. Die Erinnerung an die Vergangenheit der braunen SA-Uniformen wurde kollektiv verdrängt. Inge Scholl und Otl Aicher aber arbeiteten mit aller Kraft daran, ihre Idee zu verwirklichen, aus der Ulmer Volkshochschule heraus eine neue, zweite Bildungseinrichtung zu entwickeln. Mit der Hilfe des US-Hochkommissars John J. McCloy und seines Mitarbeiter Shepard Stone erhielten sie die Zusage über 1 Million Deutsche Mark als Spende des amerikanischen Steuerzahlers, wenn es ihnen gelang, eine zweite Million aus anderen Quellen einzusammeln. Weil diese Mittel nicht an Inge Scholl persönlich fließen durften, errichtete sie dafür am 5.12.1950 eine Organisation, die das Geld seinem Verwendungszweck gemäß verwalten sollte: Die Geschwister-Scholl-Stiftung.

Otl Aicher: Schema »Politik und politische Gestaltung« aus einem Exposé für HICOG, 12. Juli 1950.

Ursprünglich, Ende der 1940er Jahre, wollten Inge Scholl und Otl Aicher gemeinsam mit dem Schriftsteller Hans-Werner Richter eine Geschwister-Scholl-Hochschule gründen. Sie sollte das Angebot der Volkshochschule erweitern, vor allem um gesellschaftspolitische Themen. Weil sich Otl Aicher aber für Architektur, Städtebau und das interessierte, was wir heute Design nennen, wurde er auf den Zürcher Architekten, Künstler und Designer Max Bill aufmerksam. Bill wurde rasch ein wichtiger Mitstreiter der Ulmer und brachte Hans Werner Richter innerhalb weniger Monate dazu, sich aus dem Engagement zurückzuziehen. Bill sorgte dafür, dass das inhaltliche Konzept der in Gründung befindlichen Hochschule auf Gestaltungsthemen eingegrenzt wurde: Städtebau und Architektur, visuelle Gestaltung, Produktgestaltung, Information. Die gesellschaftspolitische Ausrichtung verschwand dadurch nicht. Sie blieb als Basis für die Beschäftigung mit Fragen der Gestaltung der Welt bestehen. Welchen Beitrag muss die Gestaltung leisten, damit die Menschen den Versuchungen eines tyrannischen, menschenverachtenden Regimes widerstehen werden? Damit etwas wie die Nazi-Zeit nicht wieder möglich wird? «Nie wieder!» lautete das Leitmotiv der Ulmer. 

Diese Bronzetafel am HfG-Gebäude wurde in den Wirren der Schließung 1968 von Unbekannten gestohlen. Foto: Rueß, Archiv: Südwestpresse.

 

 

 

 

2. Die kulturelle Bewältigung der technischen Zivilisation 

Welche Aufgabe sich die HfG Ulm gewählte hatte

Hans G. Conrad: Max Bill auf der Baustelle am Kuhberg, 1954.

Welche Verantwortung trägt der Gestalter für die Entwicklung und Stärkung einer freien, unabhängigen und kritischen Gesellschaft? In welcher Gesellschaft wollen wir leben, und welchen Beitrag können wir als Gestalter dazu leisten, dass diese Gesellschaft Wirklichkeit wird? Die gesellschaftliche Verantwortung des Gestalters ist die Antriebskraft, die nicht nur zur Gründung der Hochschule für Gestaltung geführt hat. Sie hat auch während ihres Bestehens von 1953 bis 1968 die intellektuelle Grundlage gebildet. Wie an keinem anderen Ort auf der Welt konzentrierte sich in der HfG die theoretische und praktische Auseinandersetzung auf die Frage, worin die gesellschaftlichen Verantwortung der Gestalter besteht. 

Die Antworten, die an der HfG darauf entwickelt wurden, liegen heute schon 40 Jahre und mehr zurück. Ebenso, wie die Antworten des Bauhauses auf diese Frage bei der Gründung der HfG schon 40 Jahre zurückgelegen hatten. Wer es heute für richtig hält, sich mit dieser Frage zu beschäftigen, sollte deshalb vor allem den Gründungsimpuls der HfG ernst nehmen: Es lohnt sich zwar, wenn man mit die alten Aussagen kennt, weil darin viel Klugheit und Aufrichtigkeit steckt. Aber die Umstände haben sich heute so sehr verändert, dass wir unsere eigenen Wahrheiten finden müssen. 

Die HfG Ulm wird heute vor allem auf Oberflächen reduziert: Geräte, die zu Ikonen des modernen Produktdesigns stilisiert wurden; visuelle Erscheinungsbilder, die als Musterbeispiele in Lehrbüchern veröffentlicht sind; die Architektur Max Bills. Die Haltung, die zu diesen Resultaten geführt hat, ist darüber meist in Vergessenheit geraten, so dass das, was die HfG hervorgebracht hat, auf einen formal-ästhetischen Stil beschränkt wird ? ganz zu schweigen vom einfältigen »Funktionalismus«-Etikett. 

Die HfG beruhte erstens auf der Beobachtung, dass die (westliche) Welt seit der Mitte des 19. Jahrhunderts durch den historischen Prozess der Industrialisierung eine technische geworden ist, und zweitens auf der Annahme, dass diese Welt gestaltet werden kann. 

Hans G. Conrad: Max Bill mit Dozenten und Studenten, 1955.

Der Ansatz des Bauhauses unter Walter Gropius bestand darin, diese Herausforderung mit künstlerischen Mitteln zu bewältigen. Die Architektur propagierte er als diejenige Disziplin, die alle Künste zusammenführte. Otl Aicher vertrat eine andere Ansicht: Die technische Zivilisation müsse auf der Grundlage eines neuen Verständnisses von Kultur bewältigt werden. Kultur sei nicht, was nur sonntags angelegt werde wie ein besonderes Kleid und nur wenige Bereiche des Lebens betreffe (insbesondere Lyrik, Theater, Oper, klassische Musik, Malerei, Bildhauerei und Philosophie), sondern umfasse schon längst sämtliche maschinell hergestellten Gegenstände und alltäglichen Handlungen. Die Gestaltung dieser Dinge und Zusammenhänge der Industriegesellschaft müsse deshalb als kulturelle Aufgabe behandelt werden.

Fatal war, dass sich die Nazis der wissenschaftlichen, technischen und logistischen Errungenschaften der Moderne bedient hatten. Ihre Propaganda instrumentalisierte etwa moderne Rundfunktechnik (Volksempfänger), Ingenieursentwicklungen (Volkswagen, Autobahn), Medien (Fotografie, Film) und ästhetische Organisationsprinzipien (Corporate Design avant la lettre). Ganz zu schweigen von der geradezu industriellen Massenvernichtung in den Konzentrationslagern. Der Glaube an den inhärenten, nicht weiter hinterfragbaren Sinn des technischen Fortschritts war dadurch nach dem Zweiten Weltkrieg desavouiert. Welche Prinzipien sollten nun gelten, um die zerstörte Umwelt wieder aufzubauen und dabei neu zu gestalten? 

Hans G. Conrad: Konvent der HfG 1955. Max Bill vor Kopf, links neben ihm die Bibliothekarin Andrea Schmitz, dann die Dozenten Helene Nonné-Schmidt, Walter Zeischegg, Tomás Maldonado und Friedrich Vordemberge-Gildewart, der Studentenvertreter Fred Hochstrasser, der Architekt W. Florian Thienhaus, dann die Werkstattleiter Cornelius Uittenhout, Josef Schlecker und Paul Hildinger, der Bauleiter Fritz Pfeil sowie Otl Aicher, Inge Aicher-Scholl und der Verwaltungsdirektor Günther Schlensag.

Otl Aicher wollte weder an eine irregeleitete »Maschinenästhetik«, noch an romantisch verklärten Historismus anknüpfen (selbst Thomas Mann verzweifelte an der Erkenntnis, dass sehr viel Hitler in Wagner steckt). Die kulturelle Bewältigung der technischen Zivilisation sollte statt dessen auf sachlich begründeter Rationalität beruhen. Jegliche künstlerische Inszenierung oder emotional ergreifende Überwältigung lehnte er radikal ab, denn damit hatten die Bilder von Leni Riefenstahls Propagandafilmen und von Aufmärschen der Nazis im nächtlichen Fackelschein ihre Wirkung erzielt.&nb

An die Stelle von Symbolen und Parolen setzte Aicher das nüchterne, überzeugende Argument. Design sollte eine vernunftbasierte Tätigkeit sein. Es ging dabei nicht um Inspiration und sprudelnde Ideen, sondern um vorurteilsfreies und gründliches Untersuchen des Kontexts einer Aufgabe; sachliches Gewichten und Abwägen der Analyseergebnisse; systematisches und interdisziplinäres Hervorbringen von Systemen anstelle von Unikaten. Die Überzeugungskraft der Information war ihm wichtiger als die emotionale Überwältigung. Die Verbesserung eines praktischen Nutzens für viele Menschen zog er dem Verfeinern von Gütern für prestigeträchtigen Luxuskonsum vor. Technik war für ihn kein Fetisch (auch wenn Motoren ihn faszinierten), sondern potentiell ein effizientes Instrument für eine demokratische Gesellschaft. Techniker, Wissenschaftler und Ingenieur durften deshalb auch keine Fachidioten sein, die sich nicht für die gesellschaftlichen Zusammenhängen interessierten und nur ihr Spezialwissen abgeschottet anhäuften.   

Sobald die Studierenden die Grundlehre bzw. das erste Studienjahr absolviert hatten, beschäftigten sie sich in ihrer Abteilung nach folgendem Muster mit ihrer Aufgabe (typisch waren etwa in der Produktgestaltung: elektrischer Handbohrer, Espressomaschine, Brille, Zeichenmaschine, Diaprojektor, Füllfederhalter). Am Anfang stand kritischen Analyse der am Markt vorhandenen Dinge. Dann wurden Charakter und Qualitäten des Produkts definiert, um die Funktionen genau bestimmen zu können, die zur Erfüllung dieser Aufgaben notwendig sind. Zugleich gab es Studien der ökonomischen und soziologischen Zusammenhänge, obwohl diese prinzipiell nicht bis zum Ende durchgeführt werden können. Dann wurde die mechanische und konstruktive Struktur untersucht. Nichts, was gegeben war, wurde kritiklos übernommen, sondern es wurden verschiedene Optionen durchgespielt. Am Ende entschieden sich Studierende und Dozent für eine Möglichkeit. Erst danach begann die formal-ästhetische Gestaltung.

So erhielt die HfG ein Profil, das randschärfer war als das aller anderen Ausbildungsstätten für Design. Die HfG stellte sich selbst die Aufgabe, relevante Beiträge dazu zu liefern, dass die technische Zivilisation des 20. Jahrhunderts kulturell bewältigt werden kann. An keinem anderen Ort auf der Welt gab oder gibt es seither diese Fokussierung.

Hans G. Conrad: Max Bill unterrichtet in der HfG Ulm, 1956.

 

 

 

 

3. Kurze Geschichte der HfG Ulm
1953-1968

Otl Aicher 1965. Fotograf unbekannt.

Um die HfG gründen und betreiben zu können, mussten Inge Scholl, Otl Aicher und Max Bill Geld und Unterstützer finden. Im Ausland waren sie zuerst erfolgreich: Sie konnten den us-amerikanischen Hochkommissar John J. McCloy und seinen Mitarbeiter Shepard Stone für die Idee einer neuen privaten Hochschule begeistern, die zum Aufbau einer modernen, demokratischen und friedlichen Gesellschaft in Wohlstand beitragen sollte. 1950 erhielten sie ihre Zusage, dass der amerikanische Steuerzahler dafür eine Million Deutsche Mark spenden würde, wenn es den Ulmern gelingen sollte, ein zweite Million einzusammeln. 

Das Geld konnte Inge Scholl nicht als Privatperson entgegen nehmen. Sie brauchte eine Organisation als Träger der Hochschule und Verwalter der Finanzen. Deshalb errichtete sie am 5.12.1950 die »Geschwister-Scholl-Stiftung«. Sie besteht bis heute, allerdings unter dem Namen »Stiftung Hochschule für Gestaltung Ulm«.

Die zweite Million einzusammeln, war äußerst schwierig. Es gab nur wenige Menschen, die die Idee der HfG-Gründung für unterstützenswert hielten. Die meisten Politiker, Beamten, Unternehmer, Architekten, Professoren und Journalisten waren nicht davon überzeugt, dass Deutschland etwas so radikal Neues benötigte. In ihren Augen gab es Wichtigeres, was gefördert werden sollte. Zumindest hätten sie es lieber gesehen, wenn die amerikanische Spende für eine bereits bestehende Hochschule eingesetzt würde, z.B. die Architekturfakultät der TH Stuttgart. Allerdings sprach sich kaum jemand offen dagegen aus, die amerikanische Million anzunehmen. Zähneknirschend und widerwillig ließ man die Ulmer gewähren.

Hans G. Conrad: Buckminster Fuller (links) am 23.6.1958 zu Gast an der HfG Ulm, rechts Tomás Maldonado.

Inge Scholl, Otl Aicher und Max Bill mussten die HfG unter extremem Druck aufbauen: Eiserne Widerstände, Anfeindungen, Intrigen und Unverständnis auf der einen Seite, Geld- und Zeitmangel auf der anderen Seite. Dazu kam noch ein bürokratisch-juristischer Hindernislauf, denn die Stiftung war zwar privat, aber sie war deshalb noch lange nicht unabhängig. Sie war auf Zuschüsse der Stadt Ulm, des Landes Baden-Württemberg und des Bundes angewiesen. Ohne dieses Geld hätte der Gebäudekomplex am Oberen Kuhberg nicht errichtet und der Betrieb der HfG nicht finanziert werden können. 

Aber innerhalb von zwei Jahren gelang es vor allem Inge Scholl, wenigstens so viel Hilfe in den Parlamenten, Ministerien und der Wirtschaft zu mobilisieren, dass John J. McCloy ihr am 23. Juni 1952 im Ulmer Rathaus den Scheck über 1 Million Mark überreichte.

Die HfG startete mit ihrem Lehrbetrieb am 3. August 1953, die ersten Dozenten waren ehemalige Bauhaus-Lehrer. Die Bauarbeiten für den Gebäudekomplex begannen aber erst am 8. September 1953. Der Unterricht fand deshalb in Räumen der Ulmer Volkshochschule statt, bis der Rohbau am 10. Januar 1955 bezogen werden konnte. Der Innenausbau der Schul- und Wohnbauten dauerte danach noch 9 Monate. Erst am 1. und 2. Oktober 1955 wurden die Gebäude mit einer Feier eingeweiht. Die Festrede hielt Walter Gropius, der als Architekt, Designer und Direktor des ehemaligen Bauhauses weltweit höchstes Ansehen genoss.

Roland Fürst: Tomás Maldonado im Unterricht, 1966.

Es war Teil des Konzeptes, dass die ersten HfG-Studenten im Rahmen ihres Unterrichts wesentlich zum Bau, insbesondere zum Innenausbau beitragen sollten. Genauso, wie die Architektur Max Bills das HfG-Programm in ein Gebäude übersetzte, sollten auch die Gegenstände der Inneneinrichtung den jungen Ulmer Anspruch verkörpern. Maßgeblich war dafür der Dozent Walter Zeischegg verantwortlich. Daraus entstanden Halterungen für Leuchtstoffröhren, Lattenroste für die Betten, Waschbecken, Türgriffe und der »Ulmer Hocker« (ein Ergebnis der gemeinsamen Arbeit von Max Bill mit dem niederländischen Designer Hans Gugelot und dem Meister der Holzwerkstatt Paul Hildinger). Man sitzt darauf nicht bequem, aber es geht leidlich. Man kann ihn herumtragen, aber nicht besonders gut. Angeblich wurden sogar Bücher damit transportiert, aber auch dafür gibt es spürbar bessere Lösungen. Sehr hilfreich ist er als niedriger Tisch und Tritt in zwei verschiedenen Höhen. Vermutlich ist der Hocker so berühmt geworden, weil er a) gegensätzliche Nutzungsoptionen zur Verfügung stellt, b) eine kompromisslos sperrige Form hat und c) sowohl der Materialbedarf als auch die Verarbeitungsschritte minimiert sind. In dieser Kombination erscheint er wie ein Spiegelbild der gesamten HfG in verkleinertem Maßstab. 

Wolfgang Siol: Reyner Banham (links) am 13.3.1959 zu Gast an der HfG Ulm, rechts Tomás Maldonado.

Die HfG bestand als Lehrinstitution 15 Jahre lang, vom Sommer 1953 bis zum Sommer 1968. Es gab in dieser Zeit keinen Tag ohne finanzielle Sorgen. Die Stiftung krebste entweder knapp oberhalb des Existenzminimums oder bewegte sich sogar unterhalb. Es gab zwar ein paar Jahre lang begründete Hoffnung darauf, dass sich die Situation grundlegend verbessern könnte, aber dieser Fall ist dann doch nicht eingetreten. Ein Resultat der permanenten Existenznot war die Kluft zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung: Obwohl die Studenten und Dozenten in der Gewissheit verbunden waren, dass sie einer ungeheuer fortschrittlichen Elite angehörten, wurden sie täglich damit konfrontiert, dass fast die gesamte Gesellschaft den Wert ihrer Arbeit nicht honorierte. 

Manche setzten sich unbekümmert und selbstbewusst darüber hinweg. Die mangelnde Wertschätzung führte aber vielfach zu Frustration. Daraus speiste sich ein Teil der Energie, die sich in vehementen Spannungen zwischen den Akteuren entlud. (Ein anderer Teil ergab sich aus der Tatsache, dass es sich bei den Menschen meist um Persönlichkeiten von starkem Charakter handelte.) Weil die Streits mit unerbittlicher intellektueller Schärfe ausgetragen wurden, entstand für die Öffentlichkeit schnell der Eindruck, auf dem Kuhberg geschehe nichts weiter als ein permanentes Hauen und Stechen. Darum war es für Außenstehende kaum nachvollziehbar, welche Leistungen in der HfG hervorgebracht wurden. Das ist zweifellos bitter, aber typisch für jede Avantgarde. Als weitere Hürde für ein breiteres Verständnis stellte sich der Jargon der Ulmer heraus, der zum Vorwurf der Arroganz beitrug: Weitgehend unbekannte Begriffe wie Kommunikation, Design oder Kybernetik irritierten mehr, als dass sie Klarheit erzeugten oder Interesse weckten.

Nach der Eröffnungsfeier gab es nur drei Ereignisse, die große öffentliche Aufmerksamkeit auf die HfG lenkten: Erstens die Trennung von Max Bill 1957. Zweitens der Verfassungsputsch Otl Aichers 1962. Und drittens die Schließung 1968. Somit beherrschten unter dem Strich schlechte Nachrichten das Meinungsklima.

Hans G. Conrad: Tomás Maldonado, Otl Aicher und Inge Aicher-Scholl an der Bar der HfG Ulm, 1956

Max Bill war seit dem Frühjahr 1950 nicht nur als Architekt des Gebäudekomplexes vorgesehen. Er wollte auch als Rektor die HfG nach außen repräsentieren, verantwortlich sein für den Gesamtlehrplan sowie Leiter der Abteilung Architektur und Leiter der Grundlehre. Dann stellte sich während der Bauphase heraus, dass es schwierig war, mit ihm zusammen zu arbeiten. Er war kein Teamplayer und außerdem zu selten in Ulm. Aus der Ferne, von seinem Zürcher Büro aus, ließ sich die Aufbauarbeit nicht organisieren. Anfangs waren die Ulmer verzweifelt, dann verärgert. Darum verständigten sich Inge Aicher-Scholl und Otl Aicher (sie hatten am 7. Juni 1952 geheiratet) mit Max Bill schon 1955 darauf, dass die Tagesgeschäfte nicht mehr in seinen Händen als Rektor liegen sollten, sondern in denen eines Gremiums aus mehreren Dozenten, dem sogenannten Rektoratskollegium. Sein Rektorat endete am 31. März 1956, aber er blieb Dozent an der HfG und ein außerordentliches Mitglied ihres Rektoratskollegiums.

Dann entbrannte ein dreiviertel Jahr später, im Januar 1957 ein heftiger Streit. Sein Anlass war vordergründig eine Kleinigkeit: Max Bill hatte ein Schild vor die von ihm genutzten Unterrichtsräume anbringen lassen, das den Zutritt nur »seinen« Studenten gewährte. Aus Sicht des Rektoratskollegium aber handelte es sich dabei nur um die sichtbare Spitze des gesamten Eisbergs. Insbesondere Otl Aicher, Hans Gugelot und Tomás Maldonado unterstellten Max Bill, dass er beabsichtigte, ein separates »Atelier Bill« wie eine Meisterklasse in der Tradition der Kunstakademien zu etablieren. Der Streit eskalierte. Die Schule spaltete sich in zwei Lager, pro und kontra Bill. Als sich die Stiftung zum 31. März 1957 von Max Bill trennte, waren alle HfG-Unterstützer darüber entsetzt, dass der einzige bekannte Protagonist der jungen, noch im Aufbau befindlichen HfG vor die Tür gesetzt wurde. Die Studenten, die zu Bill hielten, durften ihr Studium bei ihm in Zürich abschließen. Der Vertrag des Dozenten Max Bense, der sich für Bill eingesetzt hatte, wurde nicht verlängert.

Die eigentliche Motivation Aichers und Maldonados für den offenen Bruch mit Bill war ihre Überzeugung, dass sich die HfG mit aller Kraft konsequent der Verwissenschaftlichung des Designs widmen müsse. Dieses Ziel widersprach einer traditionellen künstlerischen Auffassung, die auf dem Geniegedanken und, damit verbunden, einer Ausbildung in Meisterklassen beruhte. Aicher und Maldonado wollten den Künstler durch einen neuen Typus Gestalter ersetzen: Durch den in wissenschaftlichen Disziplinen geschulten Teamplayer, der sich gleichberechtigt mit Ingenieuren in technischen Büros austauschen konnte. Seine Arbeit sollte weit über das Erschaffen einer formal-ästhetischen Oberfläche hinausreichen. Dafür wollten sie an der HfG ein neues Berufsbild entwickeln. Diesen neuen Gestaltertyp nannten sie Designer.  

Mit dem neuen Programm der Verwissenschaftlichung war der Versuch gemeint, Design als eine objektive, wertfreie (Natur-) Wissenschaft zu entwickeln. Es führte dazu, dass an der HfG eine Vielzahl ingenieur-, natur- und gesellschaftswissenschaftlicher Fächer unterrichtet wurde, z.B. Kybernetik, Semiotik, Soziologie, Statistik, Stochastik, Mechanik, Materiallehre und Konstruktionslehre. Dadurch unterschied sich die HfG substantiell von den zeitgenössischen Ausbildungsorten für Architekten und Designer (Werkkunstschulen, Technische Hochschulen und Kunstakademien). 

Eine Studentengeneration nach der Trennung von Bill, im Studienjahr 1961/62, zog Aicher Bilanz. Sein Fazit fiel erschütternd aus. Die Geister der Wissenschaft, die er selbst gerufen hatte, wollte er nun wieder mit aller Gewalt los werden. Er scheute sich nicht, erneut einen offenen Machtkampf auszutragen. Im Kern ging es bei dieser Auseinandersetzung im Jahr 1962 um die Frage, ob Design eine objektive Wissenschaft sei. Aichers Antagonist war der Mathematiker und intellektuell überragende Dozent Horst Rittel. Aicher war mit den Ergebnissen des seit 1956/57 eingeschlagenen Weges nicht einverstanden und hatte deshalb seine Ansicht geändert. Er war nun zur Überzeugung gelangt, dass Design nur bis zu einem (un-) bestimmten Punkt so betrachtet und betrieben werden könne wie eine Naturwissenschaft. Im Wesen sei Design keine objektive, wertfreie Wissenschaft. Er wollte nun (wieder) den Designer als wertendes und handelndes Subjekt in den Mittelpunkt der HfG-Arbeit rücken. Dadurch erhielt der Designer wieder die Autorität eines Genies, der seine Entscheidungen letztlich aus eigener Vollkommenheit trifft. Allerdings sollten Wissenschaft und Technik ihm als Hilfsmittel dienen.

Um seine Auffassung gegen einen Teil der Dozenten und der Studenten durchsetzen zu können, sorgte Aicher im Hintergrund dafür, dass die HfG eine neue Verfassung erhielt. Darin wurde das Rektoratskollegium durch einen Rektor ersetzt. Die dienende, dem Design zuarbeitende Rolle der Wissenschaft sollte sich in einer Unterordnung dieser Fachdozenten ausdrücken: Der Rektor der HfG durfte künftig nur noch ein Designer sein, die Theoretiker wurden zu Dozenten zweiter Klasse degradiert. 

So wurde Otl Aicher am 20. Dezember 1962 unter Umständen, die er selbst als Farce bezeichnete, zum Rektor gewählt. Die Hochschulverfassung war unter undemokratischen Umständen entsprechend geändert worden. Auch die Wahl Aichers wahrte allein unter formalen Gesichtspunkten demokratischen Anschein. Der gesamte Prozess ähnelt vielmehr einem Putsch.

Dafür, dass Otl Aicher wiederum seinen Willen durchgesetzt hatte, musste die HfG in der Folgezeit einen hohen Preis bezahlen. Viele einflussreiche Förderer kehrten der HfG den Rücken zu. Sie resignierten enttäuscht oder waren von den häufigen Kursänderungen entnervt, die jedes Mal im Ton der Absolutheit und Unbedingtheit eingeläutet worden waren. Ebenso zermürbend wirkte die Ignoranz der meisten Politiker und Journalisten. Den Tiefpunkt der tendenziösen Berichterstattung bildet eine Reportage im Nachrichtenmagazin »Der Spiegel« 1963. Sie beschädigte nicht nur das Ansehen der HfG, sondern gefährdete ihre Existenz. Denn daraufhin ließ der Landtag von Baden-Württemberg prüfen, ob es überhaupt noch angemessen war, dass die private HfG staatliche Zuschüsse erhielt.

Walter Gropius spricht während der Eröffnung der Stuttgarter Bauhaus-Retrospektive zu demonstrierenden HfG-Studenten, 4.5.1968. Fotograf unbekannt.

 




5. Die Schließung
1967/68

Unerträglich obszön: Der selbstgerechte Vergleich der HfG-Studenten mit der Hinrichtung der Geschwister Scholl 1943. HfG-Studenten während der Eröffnung der Stuttgarter Bauhaus-Retrospektiv, 4.5.1968. Fotograf unbekannt.

Über die Schließung der HfG kursieren überwiegend Falschmeldungen. Selbst in verdienstvollen Publikationen werden Märchen verbreitet. Wider besseres Wissen wird der Mythos von der HfG aufrecht erhalten, die durch den Handstreich eines tumben baden-württembergischen Ministerpräsidenten niedergestreckt worden sei.

Tatsächlich jedoch handelte es sich nicht um eine plötzliche Handlung eines einzelnen Mächtigen, sondern es war ein langjähriger und vielfach verschränkter Prozess, der zur Schließung der HfG führte. Überraschend daran ist, dass dieses Ergebnis keinesfalls den eigentlichen Absichten der meisten Beteiligten entsprach.

Äußerer Anlass der Schließung war fehlendes Geld. Dafür gab es zwei Gründe: Die Einnahmen gingen zurück und die Stiftung tat nichts dagegen, zumindest nichts Erfolgreiches. 

Eine Folge des programmatischen Wechsels der HfG 1962 (Design ist keine Wissenschaft und die HfG keine wissenschaftliche Hochschule) war, dass der Bund seine Zuschüsse streichen musste. Wegen der Kulturhoheit der Länder durfte der Bund die HfG nicht direkt unterstützen, er konnte nur finanzielle Mittel für Grundlagenforschung zur Verfügung stellen. Deshalb wurde das Ende der Forschungstätigkeit an der HfG schon 1964 mit der Ankündigung quittiert, dass die Bundeszuschüsse 1966 zum letzten Mal angewiesen würden. 

Die Stiftung reagierte darauf nur insofern, als sie den Kopf in den Sand steckte und auf eine Verstaatlichung der HfG hoffte. 1965 war die Lage bereits so desolat, dass es niemandem auffiel, dass die HfG in diesem Jahr 420.000 Mark mehr ausgab, als im Etat vorgesehen war. 

Gloria Nauber-Gassmann: Inge Aicher-Scholl und Otl Aicher in der HfG am 23.2.1968. Die HfG-Angehörigen stimmten darüber ab, ob sich die HfG auflösen solle. Ein theatralisches Schauspiel, das nur im Kontext der 68er-Paranoia verständlich ist.

1966 hob der Stuttgarter Landtag seine jährlichen Zuschüsse auf 900.000 Mark an, um die Lücke teilweise auszugleichen. Zugleich stellte das Parlament klar, dass die HfG keinesfalls verstaatlicht werden sollte. Wenn der Unterrichtsbetrieb auf solider Grundlage stehen sollte, benötigte die HfG aber mindestens 1,3 Mio. Mark pro Jahr. Dafür fehlten aber die Unterstützer in Politik und Wirtschaft. Es gab aber auch keine Akteure innerhalb der HfG mehr, deren Engagement mit dem vergleichbar gewesen wäre, welches zur Gründung der HfG geführt hatte: Die langjährigen Dozenten Hans Gugelot und Friedrich Vordemberge-Gildewart waren gestorben, Otl Aicher und Tomás Maldonado hatten die HfG verlassen, und ihren Nachfolgern (v.a. Herbert Ohl und Claude Schnaidt) fehlten die speziellen Fähigkeiten, die man braucht, um eine Institution trotz widriger Umstände am Leben zu erhalten. 

Im Dezember 1967 war die drohende Insolvenz der Stiftung unübersehbar. Deshalb musste sie allen Angestellten zum 30.9.1968 kündigen. Andernfalls wären die Mitglieder des Stiftungsrats persönlich für die finanziellen Folgen haftbar geworden. Sie verbanden die Kündigung mit der unrealistischen Anregung, die HfG möge dadurch gerettet werden, dass sie mit der staatlichen Ingenieurschule Ulm fusioniert würde. Aus der Perspektive der HfG-Angehörigen war dieser Vorschlag eine unerträgliche Zumutung. Bewies er doch, dass die Stiftung mittlerweile nichts mehr von dem verstanden hatte, was die HfG auszeichnete. Inhaltlich, pädagogisch und weltanschaulich gab es nichts Verbindendes zwischen Ingenieurschule und HfG. 

Gloria Nauber-Gassmann: Claude Schnaidt, Herbert Lindinger und Herbert Kapitzki leiten die Versammlung der HfG am 23.2.1968.

In den Augen der HfG-Angehörigen bestand die einzige Legitimation der Stiftung darin, finanzielle Verhältnisse zu gewährleisten, die so solide waren, dass der Betrieb der HfG auch nur annähernd unter den Bedingungen möglich gewesen wäre, die allen Beteiligten ? Spendern, Studenten, Dozenten, Politikern, Journalisten ? versprochen worden waren. Wenn sie diese Aufgabe nicht meisterte, verlor sie ihre Existenzberechtigung. Deshalb lehnten sie jetzt den Anspruch der Stiftung ab, die Geschicke der HfG zu bestimmen und sie in Verhandlungen zu repräsentieren. 

Sie forderten, das Land möge die HfG »autonom« verstaatlichen. Sie träumten davon, dass der Staat jegliche Rechnung begleichen möge, aber dennoch auf jegliche Kontrolle oder Sanktion verzichtete. Die Landesregierung ging nicht darauf ein. Es war ja nicht einmal 18 Monate her, dass der Landtag gerade eine Verstaatlichung grundsätzlich ausgeschlossen hatte. Trotzig verkündete die HfG-Angehörigen daraufhin am 23. Februar 1968 die »Selbstauflösung«. Diese polemisch-pathetische Parole war auch ein Ergebnis der hitzigen Atmosphäre der 68er-Studentenunruhen. Es fehlte der gemeinsame Kommunikationsrahmen für eine konstruktive, lösungsorientierte Zusammenarbeit. 

So steckte die HfG im Frühjahr 1968 in einer Sackgasse. Es gab kein integrierendes Energiezentrum mehr, das die gegeneinander kämpfenden und auseinander strebenden Kräfte zusammengehalten hätte. Die Stiftung hatte ihre Verantwortung abgegeben, der Staat wollte sie nicht übernehmen; Stiftung und HfG strebten auseinander; Dozenten, Assistenten und Studenten waren sich uneins; die unterschiedlichen Interessen der Politiker in Ulm und Stuttgart sowie der Presse schürten die Konflikte.

Roland Fürst: Eingang zur »Neuen Sammlung«, München, wo die Wanderausstellung der HfG vom 11.5. bis zum 17.6.1964 zu sehen war.

Auch für 1969 bewilligte der Stuttgarter Landtag der HfG am 18. Juli 1968 erneut 900.000 Mark. Dieser Zuschuss wurde also nicht gekürzt. Der Landtag von Baden-Württemberg hat niemals beschlossen, die HfG zu schließen. Diese vielfach verbreitete Aussage ist falsch. Die Landesmittel wurden aber auch nicht erhöht. Das Geld reichte nicht, um den Betrieb der HfG aufrecht zu erhalten. Die Bewilligung waren an Auflagen geknüpft, die bis zum 1. Dezember 1968 erfüllt werden mussten. Im Wesentlichen ging es darum, dass die HfG und die Stiftung ein gemeinsames Konzept für die Weiterführung der HfG vorlegen sollten. HfG und Stiftung akzeptierten diese Auflagen.

Als die Sommerferien der HfG endeten, kehrten die meisten Studenten, Assistenten und Dozenten nicht zurück. Lothar Späth bemerkte dazu, die HfG sei auseinander gelaufen wie flüssige Butter. 

Diejenigen, die sich am Kuhberg einfanden, konnten sich nicht auf ein gemeinsames Konzept einigen. Es scheiterte übrigens am Geld. Einige Dozenten wollten an den Einnahmen für Aufträge beteiligt werden, die in den Instituten bearbeitet werden sollten. Die meisten Studenten waren dagegen. Deshalb betrachtete die Stuttgarter Landesregierung  am 3. Dezember 1968 die Auflagen des Landtags als nicht erfüllt. Die genehmigten Mittel wurden solange gesperrt ? also nicht gestrichen ?, bis die Stiftung und HfG die Auflagen erfüllt hätten. De facto war damit das Ende der HfG besiegelt.

Der Ministerpräsident Hans Filbinger trat mit der unfassbar dummen Stellungnahme vor die Presse, dass für die Schaffung von etwas Neuem das Alte beseitigt werden müsse. Eine bessere Ablenkung von der eigenen Verantwortung für das Ende der HfG konnten sich die verbliebenen HfG-Angehörigen nicht wünschen.

Bis heute gibt es kaum eine Darstellung der HfG-Geschichte, die dieses Zitat nicht im Zusammenhang mit der HfG-Schließung erwähnt. Dadurch wird suggeriert, der Staat habe die HfG geschlossen ? eine Aussage, die in dieser verkürzten Form völlig falsch ist, weil sie den komplexen Prozess ignoriert, der zur Schließung der HfG geführt hat. Wer behauptet, »das Land« habe die HfG geschlossen, verhindert eine kritische Auseinandersetzung mit den wirklichen Ursachen.

Für das Ende der HfG sehe ich drei wesentliche Ursachen:

1. Die Gründer billigten bei ihrer Konstruktion mit einer Stiftung, einer Hochschule und angegliederten Instituten diesen Institutionen nicht zu, daß sie ein Eigenleben entwickelten.

2. Ab 1964 zogen sich viele wichtige Personen von der HfG zurück, die sie bis dahin jahrelang unterstützt hatten – nicht zuletzt Otl Aicher selbst.

3. Otl Aicher hatte das Ziel, daß sich die HfG durch sich selbst beweisen sollte. Das gesellschaftspolitische Ideal von einer demokratischen Gesellschaftsform übertrug er auf die Organisation der HfG. In kulturellen Belangen ist Demokratie aber untauglich: Über Qualität entscheidet keine Abstimmung, sondern ein Meister (wie Max Bill oder Otl Aicher). Das wiederholte Pendeln Aichers zwischen Ideal und Realität führte immer wieder zu massiven Verwerfungen.

Hans G. Conrad: Terrasse der HfG Ulm, 1956

4. Campus

Der Gebäudekomplex der HfG liegt außerhalb Ulms auf dem Oberen Kuhberg. Diese räumliche Trennung von den Bürgern war nicht geplant. Sie ergab sich daraus, dass die Stadt ihren Beitrag zum notwendigen Spendenaufkommen bei der Gründung nicht durch bares Geld aufbringen konnte, sondern nur durch Sachleistungen. Dazu zählte vor allem die Schenkung des Grundstücks. Es befindet sich unmittelbar neben einer militärischen Festungsanlage aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Den Nazis diente es als KZ. Otl Aicher wollte diesen Bestand nutzen und für die HfG umbauen. Max Bill fegte diesen Gedanken aber vom Tisch. Er bestand auf einem Neubau auf dem benachbarten Gelände. 

Für die vorhandene Hanglage entwarf Bill eine Konstellation aus unterschiedlichen Gebäudeteilen: Wohngebäude für Studenten und Dozenten, Seminar- und Vorlesungsräume, Werkstätten, Verwaltung und Bibliothek sowie die Mensa mit ihrer berühmten geschwungenen Theke und der umlaufenden Terrasse, auf der so viele Fotos entstanden sind. Es gab drei Typen von Wohnungen: Atelierwohnungen, Wohnungen in einem Wohnturm und eigene Häuser für Dozenten. Der Platz reichte aber nicht für alle HfG-Angehörigen aus. Etwa die Hälfte der Studenten musste sich ? zumeist im ersten Studienjahr ? ein Zimmer in der Stadt mieten. Das galt auch für die meisten Dozenten. Die Studenten der höheren Studienjahre konnten in der Regel auf dem Kuhberg wohnen.

Auf dem Papier entstand das Bild eines Campus, der dem amerikanischem Ideal einer Gemeinschaft von Lehrenden und Lernenden den zusammengehörigen Raum verlieh. Dieser Zusammenhalt wurde nicht nur durch die räumliche Abgeschiedenheit verstärkt. Sie spiegelte auch das Selbstbild des Anders-Seins: Anders als die konventionellen Bürger der Stadt, anders als alle anderen Hochschulen. Was es auch war: wenn es die Ulmer provozierte, sahen sich die HfG-Angehörigen bestätigt. Diese Architektur beeindruckte schon die Zeitgenossen »als Manifest, als gebautes Programm der Hochschule für Gestaltung: transparente Rationalität, Verwendung von Grundformen, Klarheit der Gliederung, Serialität. Man spürt, diese Architektur will Beziehungen organisieren.«

Die Gebäude der HfG wurden am 1. und 2. Oktober 1955 eingeweiht. Festredner war Walter Gropius, der Direktor des Weimarer und Dessauer Bauhauses. Der Unterricht hatte aber schon am 3. August 1953 in provisorischen Räumen der Volkshochschule begonnen. 

Über die Architektur Max Bills schüttelte das deutsche Feuilleton den Kopf. Seine Konfiguration schmuckloser Quader widersprach sämtlichen Erwartungen an einen Hochschulbau. Das Publikum rang mit Worten und bemühte Vergleiche wie, anscheinend habe ein Riese eine Handvoll Bauklötze an den Hang gewürfelt.  Insbesondere die Sichtbarkeit von Baustoffen (unverblendete, weiß gestrichene Ziegelsteine, grau gestrichener Stahlbeton) und Installationen provozierte. Ein Teil der Inneneinrichtung ? Waschbecken, Halterungen der Leuchtstoffröhren, Ulmer Hocker, Bettgestell mit Lattenrost ? hatten 1953 bis 1955  Studenten und Dozenten (v.a. Walter Zeischegg) entwickelt. 

Deshalb waren diese Gebäude zwar auf der einen Seite ein Ergebnis des äußerst beschränkten finanziellen Budgets, aber auf der anderen Seite auch gebautes Programm. Die Technik wurde ungeschminkt als Technik bloßgestellt, ohne jegliche Verzierung oder traditionelle Verkleidung. 

Im Grunde handelte es sich in den Augen der Zeitgenossen um einen Rohbau, um ein Skelett, dem Fleisch und Kleidung fehlten. Der vom Bauhaus bekannte Verzicht auf ästhetischen Reichtum wurde nun als aggressive Brutalität empfunden. Die Journalisten spotteten über dieses Ulmer Kloster mit seinen Asketen, die die Welt vom Glauben an den rechten Winkel missionieren wollten. Demgegenüber wurde die Tatsache kaum gewürdigt, dass den Studierenden vor allem in den Werkstätten helle und großzügige Arbeitsräume zur Verfügung standen mit ebenso viel Licht wie Platz.

So befand sich die HfG 1955 in einem kommunikativen Dilemma: Ihre Architektur verkörperte das Programm, noch bevor es richtig begonnen hatte. Obwohl es sich bei den HfG-Bauten ? bildlich gesprochen ? um einen ersten Prototypen, um ein gebautes Modell zur Überprüfung einer Hypothese handelte, wurden sie kritisiert wie ein längst ausgereiftes Serienprodukt. 

Hans G. Conrad: Norbert Wiener bei einem Gastvortrag, 1956

5. Statistik

Die HfG war eine äußerst kleine Hochschule, gemessen an der Zahl aller Immatrikulationen. Sie sollte Kapazität für 150 Studierende bieten, aber diese Zahl wurde nur im vorletzten Studienjahr erreicht. In den 15 Jahren ihres Bestehens schrieben sich nur 97 Studentinnen und 540 Studenten ein, insgesamt also 637. Etwas weniger als die Hälfte (278) stammte aus dem Ausland, darunter 93 aus der Schweiz. ? Insgesamt blieben etwas mehr als ein Drittel (238) nicht länger als ein Jahr an der HfG. Etwas mehr als ein Viertel (173) studierten zwei oder drei Jahre. Nur die restlichen 35% (226) verbrachten die vollständige Dauer von vier Studienjahren (Filmabteilung: fünf Jahre) in Ulm.

Das Studium war in Quartale eingeteilt. Das erste Quartal begann am 1. Oktober jeden Jahres. Das vierte Quartal war unterrichtsfrei und für die praktische Arbeit der Studenten in der Industrie vorgesehen. Für den Unterricht bestand Anwesenheitspflicht, die streng kontrolliert wurde. Die geringe Anzahl der Studierenden erleichterte diese Kontrolle und erhöhte den Leistungsdruck. 

Am Vormittag arbeiteten sie an praktischen Übungen in den Werkstätten und Abteilungen. In den Werkstätten (Holz, Metall, Gips, Typografie/Druck und Fotografie) sollten keine fertigen Produkte hergestellt werden. Es ging um technisches Verständnis und äußerst sorgfältiges Arbeiten an Modellen, um das Streben nach Perfektion. 

Die Mittagspause wurde gemeinsam in der Mensa, an der geschwungenen Theke und auf der Terrasse verbracht. Der Nachmittag war den theoretischen Fächern vorbehalten. Abends und bis tief in die Nacht hinein mussten die gestellten Aufgaben erledigt werden, um das hohe Pensum zu erfüllen.

Das Studium konnte, aber es musste nicht mit einer Diplomarbeit abgeschlossen werden, die aus einem praktischen und einem theoretischen Teil bestand. Die HfG erteilte 178 Studentinnen und Studenten das Diplom, weitere 53 konnten ihr Diplom am Nachfolgeinstitut IUP (Institut für Umweltplanung der Technischen Universität Stuttgart) absolvieren.

Gemessen an den Zahlen, bot das Studium an der HfG paradiesische Zustände: 282 Dozenten für 637 Studierende. Aber diese Statistik verfälscht die Wirklichkeit. Denn ebenso, wie es viele Studierende gab, die höchstens ein Jahr an der HfG verbrachten, unterrichteten auch fast drei Viertel aller Dozenten, höchstens ein Jahr in Ulm. Unter dem Strich aber war das zahlenmäßige Verhältnis von Dozenten zu Studierenden herausragend. Je nachdem, wie man es rechnet, erhält man im besten Fall ein statistisches Ergebnis von 1:1,2 und im schlechtesten 1:7,2. In Worten, ein Dozent auf sieben Studierende als worst case scenario: An welcher Bildungseinrichtung ist das heute Realität?

Die HfG war für ihren stetigen Durchfluss von hochkarätigen Referenten berühmt, die aus aller Welt nur für einen Vortrag oder eine mehrtägige Veranstaltung nach Ulm kamen. Den ersten Grundkurs zum Beispiel (er dauerte drei Monate) gab der ehemalige Bauhaus-Meister Walter Peterhans. 1955 unterrichtete Johannes Itten für nur eine Woche. Und die Lehrtätigkeit von Kapazitäten wie Charles und Ray Eames, Konrad Lorenz, Norbert Wiener, Nikolaus Sombart, Hans Magnus Enzensberger, Anton Stankowski oder Buckminster Fuller beschränkte sich auf Vorträge mit anschließenden Diskussionen. Die intellektuelle Anregung durch permanente, kontroverse Auseinandersetzung mit Input von außen war eine beabsichtigte Eigenheit der HfG.

Blickt man auf die Geschlechterverteilung, so war die Dozentenschaft eine Männergesellschaft. Nur vier Frauen unterrichteten an der HfG: Käthe Hamburger, Gisela Krammer, Helene Nonné-Schmidt und Elisabeth Walther.

Hans G. Conrad: Unterricht in der Grundlehre bei Hermann von Baravalle, 1956

6. Zulassung zum Studium

Aus den Rückblicken der ehemaligen Studenten ergibt sich durchgängig eine zentrale Motivation dafür, dass sie sich nicht bei einer alteingesessenen staatlichen Hochschule bewarben, sondern bei der jungen Ulmer Schule, über die sie oft nicht viel mehr wussten als das, was in einem Zeitungsartikel oder einer Ausgabe der HfG-eigenen Zeitschrift ulm stand: Die HfG repräsentierte wie keine andere Institution die internationale Moderne. Zu ihrer Zeit war das gleichbedeutend mit neu, unkonventionell, fortschrittlich und kritisch. Anfangs verkörperten Max Bill und der Gebäudekomplex diese Position, nach ein paar Jahren hatte sich ein entsprechender Nimbus gebildet. 

Dass es die HfG damit ernst meinte, erwies sich schon daran, dass das Abitur keine Voraussetzung für die Bewerbung war. Es ging um den individuellen Menschen, seine Interessen, Neigungen und seinen Charakter. All dies musste zum Ulmer Selbstbewusstsein passen. Wer vorher eine handwerkliche Ausbildung durchlaufen hatte, brachte meist die gesuchte Disposition, Erfahrungen und Kenntnisse mit. Aber es konnte auch reichen, wenn man nur aufgrund seines Talents und der persönlichen Empfehlung eines Gewährsmanns zum Studium zugelassen wurde. Helmut Schmitt-Siegel zum Beispiel gelangte nach Ulm, weil der HfG-Absolvent Hans G. Conrad telefonisch Otl Aicher ans Herz legte, ihn aufzunehmen. 

Bewerber mussten einen umfangreichen Fragebogen ausfüllen. Darin wurde kein Faktenwissen abgefragt, sondern es wurde versucht, die Persönlichkeit der Bewerber auszuloten. Wer zugelassen wurde, durfte zuerst nur ein Probequartal absolvieren. Einige Studenten mussten dann wieder gehen. Aber erst am Ende des ersten Studienjahres entschieden die Abteilungsleiter abschließend darüber, welche Studenten sie in ihre Abteilungen übernahmen.

Hans G. Conrad: Erster Einsatz des Messestandsystems von Otl Aicher und Hans G. Conrad auf der Düsseldorfer Rundfunkmesse, 1955

7. Entwicklung

Traditionell wird die Tätigkeit einer Hochschule in Forschung und Lehre geteilt. Otl Aicher versuchte, an der HfG eine dritte Komponente hinzuzufügen. Er nannte diese Erweiterung »Entwicklung«. Darunter verstand er das Hervorbringen praxisfähiger und serienreifer Prototypen für Auftraggeber. Daraus sollte ein Regelkreislauf hervorgehen, in dem die Abstraktionen der Theorie unmittelbar praktisch auf ihre Richtigkeit überprüft werden könnte, so dass die gewonnenen Erkenntnisse zur Korrektur und Weiterentwicklung der Theorie führen und den Kreislauf erneut in Gang setzen sollte. An der Entwicklung wurden auch fortgeschrittene Studenten beteiligt. 

Dieses Konzept nannte Otl Aicher »Ulmer Modell«. Es war die pädagogische Vorwegnahme der Veränderung des Berufsbildes, die er anstrebte. Bis dahin fand die Arbeit der Designer innerhalb von Hierarchien statt, in denen ihnen eine untergeordnete Rolle zugewiesen war. Aicher wollte diese Praxis in eine Teamarbeit von Gestalter mit Wissenschaftlern, Kaufleuten und Ingenieuren überführen. Dafür durfte der Designer nach seinen Worten nicht mehr »übergeordneter künstler, sondern gleichwertiger partner im entscheidungsprozess der industriellen produktion« sein. 

Die Auftragsarbeiten wurden ab 1958 im Institut für Produktgestaltung organisiert. Darin konnten alle Dozenten eigene Entwicklungsgruppen eröffnen. Sie wurden nummeriert und abgekürzt. E5 war der Name von Otl Aichers Entwicklungsgruppe, in der er z.B. den Auftrag für die Erstellung des visuellen Erscheinungsbildes der Lufthansa bearbeitete. Eine weitere Gruppe wurde von dem Holländer Hans Gugelot geleitet und arbeitete u.a. für die Max Braun AG.

Hans G. Conrad: Auf der Terrasse der HfG Ulm, 1956

8. Flair

Die HfG war als internationale Avantgarde konzipiert. Dieses Selbstbewusstsein übertrug sich auf ihre Angehörigen. Nicht nur, dass ihr rasch der Nimbus des Außergewöhnlichen vorauseilte, verbreitet durch die Presseberichte und eigene Veröffentlichungen. Auch wegen des ungewöhnlichen Aufnahmeverfahrens war sich jeder, der zum Studium zugelassen wurde, dessen bewusst, dass er nun zu einer besonderen Gruppe zählte. 

Die Atmosphäre einer weltläufigen, eigenständigen Einheit wurde durch Merkmale gepflegt, die teilweise offensichtlich, teilweise subtil die Abgrenzung markierten. Der Journalist Helmut Heissenbüttel hat diese Charakteristika meisterhaft beschrieben. 

So war die HfG dafür bekannt, einen eigenen Jargon mit technischen Fachbegriffen zu pflegen. Das Neue, was Ulm hervorbringen wollte, brauchte auch eine neue Sprache. Begriffe wie »visuelle Kommunikation« oder »unorientierbare Fläche« sorgten dafür, dass sich nur die hermetisch Eingeweihten verstanden. 

Dazu zählte auch die ästhetische Erscheinung der Ulmer: vorzugsweise kurze Haare und schlichte Kleidung innerhalb eines engen Kanons. Besucher berichteten, sie hätten noch nie zuvor eine solche homogene Gruppe von Menschen erlebt, die ihr Auftreten in allen Details bewusst gestalteten.  

Die ausgelassenen Feiern an der HfG waren berüchtigt. Sie nährten die Gerüchte in der kleinbürgerlichen Stadt Ulm, dort oben auf dem Kuhberg werde ein zügelloses Sexualleben praktiziert. Schließlich lebten im Studentenwohnturm junge Frauen und Männer aus aller Herren Länder Tür an Tür! 

Anders gewendet: Das Klima unmittelbarer menschlicher Nähe war typisch für das Leben an der HfG und wurde je nach Persönlichkeit als befruchtender Wettstreit, aber auch als bedrückender Konkurrenzkampf oder sogar als unerträgliche provinzielle, klösterliche Enge wahrgenommen.



Mehr zur Geschichte der HfG Ulm:

- Ca. 12.000 Fotos von Hans G. Conrad von 1953-57 veröffentliche ich sukzessive auf meinem Stream bei Flickr.
- Meine Veröffentlichungen über die politische Geschichte der HfG Ulm im Volltext und als PDF in deutsch und englisch finden sich hier.

 


Letzte Aktualisierung: 26. April 2013

Dr. René Spitz

Röntgenstraße 4a • 50823 Köln • post [at] wortbild [Punkt] de 

© 2014 Wortbild